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Die totale Witwerschaft in Perfektion
Das REISE- und ZUCHTSYSTEM der Gebr.
Schlechtriem, Kerkrade/NL.
Geeignet für Züchter mit einem kleinen Taubenbestand.
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Berend Ruwen |
Anlässlich eines Internationalen Ruwen-Club-Treffens stellte man
folgende Frage:
Wie führen Sie, Herr Schlechtriem, Ihre Tauben und womit erzielen Sie
so überragende Erfolge?
Natürlich kann man diese Frage nicht pauschal beantworten. Sie
beinhaltet folgendes System:
Zwischen dem 10. und 20. Dezember eines jeden Jahres werden 25
Reisepaare und 15 Zuchtpaare angepaart. Aus allen Paaren wird vorab eine
Runde Jungen gezüchtet.
Bevor jedoch eine Taube auf dem Zuchtschlag gelangt, muss sie enorme
Flugleistung, u.a. auch 1. Konkurse unter Beweis gestellt und in den
Jahren zuvor als Reisetaube gute Nachzucht gebracht haben. Die auch
wiederum 1. Konkurse fliegen. Sonst hat diese Taube keine Chance, auf
dem Zuchtschlag zu gelangen. Aufgrund dessen wird auch die Winterzucht
bei den Reisetauben befürwortet.
Sobald die Jungen der Winterzucht der Reisetauben 14 Tage alt sind,
werden diese Paare getrennt. Die eine Hälfte der Jungen geht mit dem
Weibchen auf den Jungtierschlag, die andere Hälfte bleibt bei den Vögeln
auf dem Reiseschlag. Wenn diese Jungen 24 Tage alt sind, bleiben sie von
da ab allein. Die Reisevögel bzw. –Weibchen werden in separate Volieren
verbracht. Hier erhalten sie einmal pro Tag eine knappe Fütterung, um
eine etwaige Frühform zu vermeiden. Während dieser Zeit nach der
Winterzucht bekommen die Tauben keinen Freiflug, bis etwa 14 Tage vor
dem 1. Preisflug.
Ungefähr 14 Tage vor dem 1. Preisflug kommen die Vögel wieder auf dem
Reiseschlag und werden etwa 7 Tage trainiert. Hier ist zu bemerken, dass
während der Trainingsflüge bzw.
Freiflüge eine Fahne den Tauben signalisiert, so lange fliegen zu
müssen, bis die Fahne wieder weggenommen wird. Der letzte Trainingsflug
beträgt ca. 100 Km. Nach 7 Tagen werden sie abermals in die Voliere
verbracht. Nun kommen die Weibchen auf dem Reiseschlag und erhalten
einmal pro Tag Trainingsflug (5 Tage lang). Am 4. Tag beträgt auch ihr
Trainingsflug 100 Km; die letzten 2 Tage vor dem 1. Preisflug gelangen
diese Weibchen auch wieder in die Voliere.
Am Tag des Einkorbens vor dem 1. Preisflug erhalten dann die Vögel
und Weibchen gemeinsam aus ihren Volieren Freiflug, werden jedoch in den
Reiseschlag zurückgepfiffen. Darin dürfen sie dann ca. 2-3 Stunden
zusammen bleiben und gelangen von da aus in den Korb. Nach Rückkehr vom
1. Preisflug dürfen sie dann etwa 1 Stunde gemeinsam auf dem Reiseschlag
verbringen; werden dann wieder in ihrer Voliere (getrennt) verbracht.
Von der Voliere aus erhält jede Gruppe einzeln Trainingsflug und wird in
den Reiseschlag zurückgepfiffen, und wiederum in ihren Volieren
verbringen sie den Rest des Tages bzw. der Nacht. Es treffen nie die
Vögel und Weibchen auf dem Reiseschlag nach dem Trainingsflug zusammen.
Unmittelbar vor Einkorben des 2. Preisfluges dürfen die Vögel und
Weibchen auf dem Reiseschlag jedoch nur gemeinsam eine halbe Stunde
verbringen, wobei aufgepasst wird, dass sie nicht zum Treten kommen.
Nach Rückkehr vom Flug dürfen sie zusammen bleiben, wobei eine
Nistschale in die Zelle gestellt wird; sie bleiben dann auf dem
Reiseschlag die ganze darauf folgende Woche zusammen.
Zum 3. Preisflug stehen die Vögel dann auf Treiben. Die Weibchen, die
bald legen müssen, gehen auch mit auf die Reise.
Beim 4. Preisflug sitzen dann die Paare auf ihren Eiern, die ca. 3
Tage alt sind. Von hier aus wird gereist.
In der darauf folgenden Woche erfolgt am Freitagabend eine Trennung
der Paare, d.h., die Vögel werden in die Voliere verbracht, die Weibchen
bleiben bis Samstag mittags auf dem Reiseschlag bei den Eiern. Etwa 5
Stunden vor dem Einkorben werden die Weibchen von den Eiern genommen und
ihre Voliere verbracht.
Von beiden separaten Volieren aus wird eingekorbt. Die
zurückgelassenen Eier sind zwischenzeitlich von mir in eine Brutmaschine
gelegt worden, wobei in die Nistschale 3 Gipseier gelegt werden.
Der 5. Preisflug wird vom Nest aus durchgeführt.
Die Eier sind nun mittlerweile 10 Tage alt. An diesem Wochenende
kommen die Weibchen Freitagmittags und die Vögel am Samstag etwa 5
Stunden vor dem Einkorben in die Voliere. Bei ihrer Rückkehr finden sie
sodann 5 Gipseier in ihrer Nistschale vor.
Diese Mehranzahl der Eier bewirkt eine enorme Beziehung zur Brut.
Wohlgemerkt: Die eigentlichen Eier von den Paaren liegen immer noch in
der Brutmaschine.
Der 6. Preisflug findet von angesprungenen Eiern aus statt.
Bis kurz vor Anpicken der Eier wird ein Umtausch aus der Brutmaschine
vorgenommen.
Jetzt werden von den 50 Reisetauben (25 Paare) 10 Tauben zu Hause
gelassen, um die Eier ausbrüten zu lassen. Diese 10 Tauben sind
diejenigen, die bisher die geringste Reiseleistung gezeigt haben.
Freitagmittags geht dann der Rest der Weibchen in die Voliere, die Vögel
erst wieder am Samstagmittag, etwa 5 Stunden vor dem Einkorben.
Diese 10 daheim gebliebenen Tauben müssen dann 25 Junge, die nicht
beringt werden, versorgen, die etwa 1 Tag alt sind. Bei Rückkehr der vom
Preisflug heimkehrenden Tauben dürfen sie gemeinsam bis Montagabend
zusammen bleiben. Danach erfolgt wieder die Trennung in separate
Volieren, wobei eine Gruppe, d.h. entweder die Vögel oder die Weibchen,
bei den Jungen bleibt. Jeden Abend um ca. 17 Uhr wird eine Auswechselung
vorgenommen, d.h. einmal füttern die Weibchen, einmal die Vögel ihre
Jungen. Dies wiederum hat zur Folge, dass die Gruppe, die sich gerade in
der Voliere befindet, zum Trainingsflug herausgelassen und in den
Reiseschlag zurückgepfiffen wird. Während des Trainingsfluges wird dann
die Auswechselung vorgenommen. So sehen sich die Vögel und Weibchen
niemals.
Der 7. Preisflug wird von 7 Tage alten Jungen ausgeführt.
Der Auswechselungsplan geht dahin, dass am Freitagmittag die Vögel in
ihre Voliere gelangen und die Weibchen am Samstag Mittag, etwa 5 Stunden
vor dem Einkorben, von den Volieren aus wieder eingekorbt werden. Also
in umgekehrter Reihenfolge wie in der Vorwoche.
Der 8. Preisflug, bei uns meistens Samstagflug, erfolgt dann auf ca.
14 Tage alte Jungen. Es muss jetzt so geplant sein, dass am Freitag um
17 Uhr die Weibchen in der Voliere sind. Die Vögel bleiben jetzt
allerdings bei ihren Jungen bis zum Zeitpunkt des Einkorbens am Samstag.
Bei der Rückkehr sind dann alle Zellen geschlossen, die Paare können
lediglich über einen Laufsteg, der direkt vor den Zellen angebracht ist,
sich bewegen. Die kleinen Jungen befinden sich jetzt auf der Erde im
Stroh, jedoch von den 25 Jungen sind nur noch 15 vorhanden. Die
restlichen 10 Jungen wurden bereits aussortiert. Durch diese geringe
Anzahl der Jungen entsteht eine neue Motivation und Eifersucht dadurch,
dass man alle Jungen füttern will.
Sonntagabends werden die Vögel und Weibchen auf dem Reiseschlag
wieder getrennt und wie immer in ihre Volieren gebracht.
Wohlgemerkt: Bei uns ist die Reiserichtung Südwest.
Bis zu diesem Zeitpunkt haben die Weibchen und Vögel immer nur
Diätfutter erhalten, außer bei sehr schweren Flügen. Der beste Beweis
ist dafür, dass so mancher Züchter des Guten zuviel macht, was das
Füttern anlangt.
Beim 9. Preisflug sind die Jungen 21 Tage alt.
Das ganze System wird ab sonntags so gesteuert, dass beim Einkorben
die Vögel von ihrer Voliere, die Weibchen dieses Mal von den Jungen aus
eingekorbt werden. Bei Rückkehr dieses Preisfluges liegen jedoch nur
noch 8 Junge auf dem Boden im Stroh. Etwa nach 1 Stunde werden die Vögel
u. Weibchen wieder in ihre Volieren verbracht. Die Zellen sind zu diesem
Zeitpunkt immer noch zu. Bei dieser „Austausch-Methode“ entwickeln die
Tauben selbstverständlich einen großen Drang zum Schlage.
Beim 10. Preisflug fliegen die Tauben auf 28 Tage alte Jungen.
Am Einkorbtag kommen die Vögel und Weibchen 15 Minuten zusammen, die
Zellen bleiben geschlossen. Hier werden sie gemeinsam vom Reiseschlag
aus eingekorbt. Das „Zusammensein“ findet nur auf dem vorhandenen
Laufsteg vor den Zellen statt. Bei Rückkehr sind alle Jungen weg. Die
Zellen sind offen, jedoch ohne Schale. Die Tauben dürfen etwa 1 Stunde
zusammen bleiben, dann erfolgt wieder die Trennung, wobei die Vögel auf
dem Reiseschlag (Zellen jetzt geschlossen) bleiben. Die Weibchen in ihre
Volieren verbracht werden bis Mittwoch, ca. 17 Uhr. Die Weibchen
erhalten dann von der Voliere aus Trainingsflug. Ab Mittwoch kommen die
Weibchen in einen Nebenschlag, der außerdem abgedunkelt wird.
Der 11. Preisflug (bis 14. Preisflug) findet bei totaler Witwerschaft
statt. Die Vögel werden einmal in ihre Zelle eingeschlossen – ohne
Schale -, die Weibchen dürfen sich ca. 15 Minuten davor auf dem
vorhandenen Laufsteg aufhalten. Dann werden alle eingekorbt. Beim 12.
Preisflug sitzen die Weibchen in den geschlossenen Zellen, die Vögel
davor, auch wieder ohne Nistschale. Nach Rückkehr dürfen sie 1 Stunde in
der Zelle – ohne Schale – zusammen bleiben.
Beim 13. Preisflug dürfen dann Vögel und Weibchen 2 Stunden vor
Einkorben zusammen bleiben, es wird in der Zelle jedoch eine
Zwischendecke eingebracht, um ein etwaiges Treten zu vermeiden. 5
Minuten vor dem Einkorben wird dann eine Schale in die Zelle gesetzt.
Bei Rückkehr dürfen sie bis zum Abend zusammen bleiben.
Beim 14. und letzten Preisflug dürfen alle Reisepaare 6 Stunden vor
dem Einkorben zusammen bleiben und gemeinsam Freiflug genießen. 1 Stunde
vorher wird Stroh auf den Schlag gebracht. Bei Rückkehr bleiben sie 2
Tage lang zusammen, bleiben anschließend 9 Wochen getrennt in der
Voliere, bis die Jungtier-Preisflüge beendet sind.
Die jungen Tauben werden während der gesamten Reise zusammen
gelassen, auch wenn sie sich paaren. Sie dürfen jedoch nur Eier liegen
haben, werden dann getrennt und so noch 6 Wochen auf Treiben gespielt,
wobei 1 Stunde vor dem Einkorben die ganze Mannschaft zusammen bleiben
darf. Nach 9 absolvierten Preisflügen wird hier zusätzlich noch ein
zweites Programm mit 7 Preisflügen bis 500 Km durchgeführt. Wenn das
zweite Programm der Jungtauben beginnt, kommt die gesamte alte
Reisemannschaft wieder zusammen und darf sich paaren. Auch die jungen
Tauben kommen zusammen, damit sie den gleichen Neststand haben wie die
Alten. Dann wird das ausführlich vorbeschriebene System auch mit den
Jungen gleichermaßen durchgeführt.
Dieses Wechselspiel bringt mit Sicherheit die überragenden Erfolge,
ist aber auch mit überaus großem Arbeitsaufwand verbunden.
Ein Besuch auf dem Schlage Schlechtriem zeigt, dass hier eine
außergewöhnliche heimische Atmosphäre herrscht. Man merkt förmlich, wie
die Tauben es genießen, sich auf dem Reiseschlag zu befinden, was ja
aufgrund des immer wiederkehrenden Wechselspiels nicht
selbstverständlich ist.
Mit diesem System werden jedes Jahr etwa 700 bis 800 Preise errungen
(1:4), davon 500 Preise 1:10, Reiseleistung mindestens 60 %.
Nach dem allerletzten Preisflug wird am Montag wieder sortiert nach
Leistung usw.
Aus der gesamten Mannschaft werden wieder 25 Reisepaare und 15
Zuchtpaare ermittelt, so dass man wieder auf eine Anzahl von maximal 80
Tauben steht.
Nach Abstammung wird nicht geschaut, da alle Tauben mehr oder weniger
miteinander verwandt sind. Dieser eingekreuzte Stamm sorgt seit nunmehr
35 Jahren für gewaltige Erfolge mit diesem System. Schon einige Male
wurde versucht, die Gebr. Schlechtriem von den Preisflügen
auszuschließen.
Berend Ruwen
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