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Der Einfluss des Windes auf die Preisliste
Immer wieder Thema
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Willi Hertel |
Es gibt Dinge im Leben, die sind so alt wie die Menschheit selbst und immer
noch so aktuell wie am ersten Tag. So gibt es auch immer wiederkehrende Themen
im Brieftaubensport, die ständig aufs Neue diskutiert werden, obwohl sich ein
jeder an seinen fünf Fingern ausrechnen kann, dass daran nichts zu ändern ist.
Ein solches Musterbeispiel, mit dem ich mich im Folgenden befassen will, ist der
Einfluss des Windes auf die Preisliste – ein Thema, das offensichtlich so alt
ist wie der Brieftaubensport selbst.
Ein unerschöpfliches Thema
Kaum ist ein Preisflug zu Ende und die ersten Ergebnisse werden ausgetauscht,
so ist die Kombination „Lage“ und „Wind“ das zentrale Thema. Dass, je nach
Windstärke, die Luftströmungen eine enorme Kraft entwickeln können, das dürfte
jeder von uns vorbehaltlos bestätigen können. Dazu ein Beispiel, das jedermann
schon einmal bemerkt haben dürfte: Fährt man mit dem PKW durch einen Tunnel, so
ist man garantiert von Seitenwinden frei. Die Macht des Seitenwindes erfährt man
von einem Moment zum anderen, wenn man aus dem Tunnel herausfährt. Wer will mir
bei diesen selbst gemachten Erfahrungen dann noch erzählen, dass der Wind
unseren Tauben auf ihrem Heimflug nicht zu schaffen macht und sie beispielsweise
nicht nach einer Seite abdrängt werden und bei solchen äußeren Einflüssen nicht
hartnäckig gegensteuern müssen.
Die Auswirkungen von seitlichem Windeinfluss
Meine Beobachtungen haben immer wieder zu dem Ergebnis geführt, dass an dem
Ende der RV die höchsten Prozentzahlen geflogen werden und auch mehrheitlich die
ersten Konkurse dort fallen, wo die Wetterfahne hinzeigt – der Wind hinweht.
Angenommen die Tauben müssen beim Preisflug vom Süden her kommend in das
Zielgebiet einfliegen und haben an diesem Tag auf der Strecke Ostwind. Auch Sie,
liebe Sportfreunde, werden bei der Sichtung der zu diesem Flug erstellten
Preisliste feststellen können, dass die Züchter an der Westflanke des
RV-Gebietes dominieren. Bläst bei einem solchen Preisflug jedoch Westwind, so
werden in der Liste die Züchter an der Ostseite der RV merklich besser
abschneiden.
Gegenwind und Mitwind
Wie schiebend oder auch bremsend Mit- oder Gegenwind die Vorwärtsbewegung
beeinflussen kann, das fühlt man am besten, wenn man mit dem Fahrrad unterwegs
ist. Fährt man eine ebene Strecke mit dem Wind im Rücken und die gleiche Strecke
gegen den Wind zum Ausgangspunkt zurück, so gibt die jeweilige Zeitnahme einen
sauberen Einblick in den Schwierigkeitsgrad und macht die unterschiedlich
wirkende Kraft des Windes anschaulich. Mit- oder Gegenwind, wir
Brieftaubenzüchter sprechen ja von Schwanz- und Kopfwind, wirkt sich ebenfalls
auf die Preisliste aus. Auch in solchen Fällen dürften die Sportfreunde
bevorteilt sein, in deren Richtung der Wind bläst. Beim führen einer
dementsprechenden Statistik werden wir feststellen, dass bei Kopfwind die
„kürzeren“ Schläge die Nase vorn haben und bei Mitwind die Schläge mit der
„längeren“ Schlagvermessung.
Es gleicht sich vieles aus
Da zurzeit die Fußball-WM in unserem Land ausgespielt wird, möchte ich einmal
den Wind mit dem Schiedsrichter vergleichen. Über die langen 13 – 14 Wochen der
Flugsaison, bzw. anlässlich der in dieser Zeitspanne stattfindenden Flüge, wird
der Wind vermutlich nicht immer aus der gleichen Richtung wehen. Der Wind ist
eine „Naturgewalt“, gegen die man sich nicht versichern kann. Wir
Brieftaubenzüchter werden damit leben müssen, dass der Wind einmal gegen und
einmal für uns weht, dass sich aber auch über eine lange Saison vieles von ganz
alleine irgendwie ausgleicht. Ähnlich ist es doch auch mit den Schiedsrichtern,
die einmal für und einmal gegen „unsere“ Mannschaft Tatsachenentscheidungen
treffen und sich dadurch über eine Spielserie auch wieder vieles ausgleicht.
Die Mitte ist die beste Ecke
Bei allen Überlegungen bei der Suche nach der besten Lage komme ich immer
wieder zu dem gleichen Ergebnis wie viele schlitzohrige Elfmeterschützen, die
den Ball auf die Tormitte abfeuern und damit den größten Erfolg haben. So wie
der Wind von einer Seite weht, so gehen die Torleute meist auch in eine Ecke.
Als Elfmeterschütze bin ich somit mit der Tormitte als Ziel bestens beraten.
Wenn ich vergleichbar in der RV-Mitte wohne, ist mir dies am liebsten, denn dann
kann der Wind aus allen Richtungen pfeifen. Aufgrund dessen bin ich zwar nie
bevorteilt, aber durch die „neutrale“ Lage auch nie benachteiligt und damit
immer auf dem Fleckchen Erde, das insgesamt gesehen am wenigsten von möglichen
Verschiebungen betroffen ist.
Kein Wind ist der beste Wind
Es ist schon interessant, in den Diskussionen von vielen Züchtern den Wunsch
nach Kopfwind zu hören. Diesem Wunsch kann ich mich nicht anschließen, denn
sobald der Wind aus einer Richtung, aus welcher auch immer, weht, übt er einen
Einfluss aus. Das gilt für mich auch bei Kopfwind, der einerseits sicher eine
Bremswirkung ausüben dürfte und die „kurzen“ Vermessungen begünstigt, der
andererseits den Tauben aber auch Kraft für die Beibehaltung ihrer Spur
abverlangt. Wer schon einmal in fließendem Gewässer gegen die Strömung schwimmen
musste, der wird festgestellt haben, dass man ganz schnell zur Seite abtriftet,
dass es schwer ist sauber gegen den Strom die Richtung zu halten.
Deshalb ist für mich kein Wind der beste Wind. Wenn es nämlich windstill ist,
ist der Flugverlauf von allen Windeinflüssen frei. Bei solch einem Flug geht es
für meinen Geschmack am fairsten zu, denn eine jede am Flug beteiligte Taube
muss die Strecke vom Auflassort bis zu ihrem Heimatschlag einzig und alleine
mittels ihrer eigenen körperlichen Fähigkeiten zurücklegen.
Das Problem ist zu lösen, aber wollen wir das?
Um allen Windeinflüssen bei den Preisflügen aus dem Wege zu gehen, müssten
alle Züchter einer RV ihre Tauben vom selben Schlag mit nur einem Ausflug
schicken. Dann hätten alle die gleichen Bedingungen und sie alle hätten nach dem
Preisflug nichts mehr zu diskutieren über „die Lage“ und „den Wind“, über damit
verbundene Vor- und Nachteile. Sicher will das keiner von uns und deshalb werden
wir weiter mit dem Windeinfluss bei unseren Preisflügen leben. Man soll sich
eben nur über Dinge aufregen, auf die man Einfluss ausüben kann und die man
ändern kann – am Versuch das Wetter und den Wind zu ändern wird garantiert ein
jeder von uns scheitern.
Willi Hertel
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