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Gewissenhafter Start in die Saison
Tierarzt René Becker über die medizinische
Vorsorge
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Tierarzt René Becker |
Der ideale Zeitpunkt für eine Generaluntersuchung mit Blick auf die
bevorstehende Reisesaison ist zu diesem Zeitpunkt bereits verstrichen.
Alle Kuren sollten eigentlich Anfang April, rd. zwei Wochen vor Beginn
der Vortouren, abgeschlossen sein. Zum einen können sich die Tauben von
den Nebenwirkungen einer Medikamentengabe erholen, zum anderen stört die
Gabe eines Medikamentes nicht die private Trainingsvorbereitung.
Dennoch bleibt den bisher unentschlossenen Züchtern genügend Zeit,
die notwendigen Untersuchungen vornehmen zu lassen. Diese sollten neben
den obligatorischen Kropf- und Kloakenabstrichen vor allem eine
bakteriologische Untersuchung der Schleimhautflora des Rachens und einen
Chlamydientest umfassen. Die Ergebnisse liefern Informationen über evtl.
unterschwellig vorhandene Atemwegsinfektionen.
Aber schon das Vorstellen sowie die eingehende Allgemeinuntersuchung
und Handbeurteilung der Tauben durch den spezialisierten Tierarzt hilft
vielfach, Defizite aufzudecken. Nicht selten wird man jedoch auf dem
eigenen Schlag und bei der Beurteilung der Verfassung seiner Tauben
betriebsblind und benötigt den Anstoß, um sich einen Eindruck über den
tatsächlichen Zustand zu machen. In diesen Tagen bestätigt sich
vielfach, dass der eigentlich hervorragende Eindruck über manche
Unzulänglichkeit bzw. schlummernde Infektion hinwegtäuscht.
Da sich die Belastung der Tiere derzeit in Grenzen hält, fallen
Schleimhautinfektionen im Darm und Rachen durch Bakterien, Trichomonaden
oder Kokzidien, sofern sie nicht zu stark sind, überhaupt nicht ins
Gewicht. Erst durch den permanenten Stress vor dem Hintergrund der
wöchentlichen Preisflüge und des täglichen Trainings vermehren sich die
Erreger und hemmen die Leistung.
Deshalb ist es für einen Gesundheitscheck, selbst bei einer scheinbar
noch so reibungslos verlaufenden Vorbereitung, nie zu spät. Schwierig
wird es erst, wenn der Rhythmus von Preis- und Trainingsflügen
eingesetzt hat und die Kürze der Zeit zwischen den Einsätzen eine
umfassende Therapie verhindern.
Aber auch für die Züchter, die frühzeitig einen Tierarzt aufgesucht
haben, empfiehlt es sich, erneut beim Tierarzt vorstellig zu werden. Die
Kontrolle des Therapieerfolges ist eine medizinische Notwendigkeit und
gehört verpflichtender Weise zu jeder durchgeführten Therapie.
Erfreulicherweise befolgen viele Sportfreunde die Aufforderung zur
Kontrolle der vorausgegangenen Behandlung. Die Notwendigkeit einer
Kontrolle wird bei der Infektion durch Trichomonaden deutlich. Trotz
Einsatz der potentesten zur Verfügung stehenden Präparate (z. B.
“Ronidazol” oder “Chevicol”) gibt es vereinzelt Bestände, die nach einer
Therapie immer noch befallen sind. Neben Fehlern bei der Dosierung oder
mangelnder Qualität bei Ronidazol-Präparaten aus “dunklen Quellen” kommt
es immer häufiger zu einer nachlassenden Empfindlichkeit der
Trichomonaden, obwohl u. U. die individuelle Veranlagung einzelner
Tauben/-Familien eine große Rolle zu spielen scheint. Es gibt Tiere, bei
denen die Trichomonaden im Laufe einer Therapie zwar schnell unter die
Nachweisgrenze fallen, die aber schon nach kurzer Zeit – im Gegensatz
zum Rest des Bestandes –, wieder starke Befälle aufweisen. Gerade in der
Saison sind diese Tiere für die ohnehin stark belastete Witwermannschaft
eine große Gefahr.
Weiß man um die Veranlagung, hilft letztlich nur ein Entfernen aus
der Reisemannschaft. Lassen sich diese Tiere nicht gleich ausmachen und
besteht das o. g. Problem mit den Trichomonaden, helfen
Kombinationstherapien verschiedener Präparate.
Die Trichomonadenbekämpfung während der Saison muss regelmäßig
erfolgen. Momentan stehen in Deutschland drei verschiedene Präparate zur
Verfügung: “Spartrix”, “Chevicol” (mit dem Wirkstoff Dimetridazol) und
eine Neuauflage der “Gamba-Tabs” (mit einem neuen Wirkstoff als
freiverkäufliches Präparat). Über die Wirksamkeit von “Gamba-Tabs”
können aufgrund der kurzen Zeit, seit es zur Verfügung steht, keine
Aussagen gemacht werden. Bei allen drei Produkten empfiehlt sich die o.
a. Kontrolle der Wirksamkeit.
Wir verlassen uns seit einigen Jahren auf die gute Wirksamkeit und
Verträglichkeit von “Chevicol”, gerade im Hinblick auf die Beeinflussung
der Form.
Wiesen Ihre Kotproben im Frühjahr Kokzidienbefälle auf, empfehlen
wir, auch bei gering gradigen Befällen eine Behandlung kurz vor dem
Saisonstart. Nicht selten werden unter den Belastungen der Reise aus
geringen Befällen starke Kokzidieninfektionen, die die Leistung
erheblich beeinträchtigen. Die Verabreichung einer Tablette “Appertex”
nach der ersten Vortour sorgt für Kokzidienfreiheit. Im Anschluss an die
Gabe (genauer gesagt: zwei Tage später) muss eine Desinfektion des
Schlages erfolgen. Allerdings darf man zu diesem Zeitpunkt nicht mehr
auf klassische Desinfektionsmittel zurückgreifen, sondern benutzt einen
Brenner. Die kokzidienabtötenden Desinfektionsmittel verbleiben vom
Geruch her überaus lange im Schlag und wirken sich negativ auf das
empfindliche Luftsacksystem der Tauben aus.
Bei negativ verlaufender Kotprobe empfehlen wir selbstverständlich
keine Behandlung sondern eine Kontrolle nach einigen Wochen. Die
parasitologische Untersuchung einer Kotprobe lässt sich im Rahmen eines
Praxisbesuches zur Kontrolle einiger Tauben mit erledigen. Besteht nicht
die Möglichkeit, den Befall mit Kokzidien überprüfen zu lassen, ist es
ratsam, Mitte der Saison auf eine einmalige Behandlung mit “Appertex”
zurückzugreifen.
Die Behandlung von Atemwegs- bzw. Schleimhautinfektionen im Rachen
sollte nach Möglichkeit Anfang April abgeschlossen sein. Bestimmte
Präparate können auch während der Vortouren angewendet werden, um
tatsächlich mit gesunden Tauben an den Start zu gehen.
Haben Sie alle Behandlungen abgeschlossen und die Tauben
kontrollieren lassen, können Sie bedenkenlos in die Saison starten.
Sollten Sie vorhaben, während der Reise tierärztliche Kontrollen
vornehmen zu lassen, warten Sie nicht zu lange damit. Viele Züchter
machen den Fehler, den nächsten Termin erst nach rd. sechs bis sieben
Wettflügen ins Auge zu fassen. Dann sind die Tiere – incl. aller
Vortouren – bereits rd. zehn Mal im Kabinenexpress gewesen – und gerade
der Saisonbeginn birgt große Infektionsgefahren. Bekanntlich kommt
vielfach nach fünf bis sechs Wettflügen der gefürchtete
Leistungseinbruch. Wir empfehlen, nach drei Preisflügen eine Kontrolle
vornehmen zu lassen.
René Becker
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