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Circoviren bedingen Immunschwäche
Tierarzt René Becker über die medizinische Vorsorge
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Tierarzt René Becker |
Mit Beginn des Monats Mai ist die Zuchtsaison weitgehend abgeschlossen. Immer
früher hört man von den Züchtern bereits zeitig im Frühjahr, dass die Zucht für
den Eigenbedarf abgeschlossen ist. Dies hat viel mit der Konkurrenzfähigkeit der
Winterjungen, ihrem deutlich besseren Mauserstand sowie den angebotenen
Wettflügen weit vor Beginn der eigentlichen RV-Jungtierflüge zu tun.
Eine weitere Motivation für frühe Junge ist die Schaffung besserer
Voraussetzungen, um die Herbstreise ohne die gefürchtete Jungtaubenkrankheit zu
erreichen. Schon die Untersuchung, die vor Jahren von Seiten der Verbandsklinik
durchgeführt wurde, hat gezeigt, dass je älter die Jungtauben in der kritischen
Jahreszeit während der Monate Juni und Juli sind, je größer die
Wahrscheinlichkeit der Verschonung von Krankheitsausbrüchen ist. Die
Winterjungen haben die erste Phase der Ausbildung ihres Immunsystems zur Zeit
der erhöhten Ausbruchszahlen hinter sich und sind eher in der Lage, dem
Infektionsdruck stand zu halten.
Nichts desto trotz ist die Zahl der Ausbrüche im Laufe der Jahre nahezu
gleich geblieben. Lediglich die Art und Weise, wie sich die Bestände mit den
Problemen auseinandersetzen, hat sich gewandelt. Heute gehören die Fälle mit
einer großen Anzahl an Todesfällen oder stark erkrankter Jungtiere der
Vergangenheit an. Dies liegt einerseits daran, wie sich die Tauben im Laufe der
Zeit mit den Erregern auseinandersetzen, andererseits an den Maßnahmen der
Züchter - sowohl im Bereich der Vorsorge, als auch im Bereich der (vielfach
eigenmächtig durchgeführten) Therapie.
Gleichwohl muss man den Züchtern zu Gute halten, dass sie gelernt haben, mit
der Jungtaubenkrankheit zu leben und teilweise eigene Strategien zu entwickeln,
dieses Problem zu bewältigen (auch wenn dahinter häufig Antibiotikatherapien mit
fragwürdigen Mitteln stehen). Dennoch werden gerade bei diesen Therapien
gravierende Fehler gemacht, die den Heilungsprozess verhindern oder verzögern,
so dass letztlich doch der Weg zum spezialisierten Tierarzt führt. Der hat dann
recht häufig mit vorbehandelten Tauben Schwierigkeiten mit Blick auf die
richtige Diagnose und somit richtige Therapie.
Noch immer handelt es sich bei der Jungtaubenkrankheit um eine komplexe
Erkrankung: An deren Basis steht eine durch Circoviren erzeugte Immunschwäche,
die darauf folgenden Erkrankungen können jedoch durch verschiedene Erreger
ausgelöst sein, selbst wenn das Krankheitsbild in fast allen Fällen nahezu
gleich ist. Vielfach sind die klassischen Erreger Colikeime, Hexamiten und
Hefepilze mitbeteiligt. Maßgeblich für den Therapieerfolg ist es zu wissen, ob
andere Erreger (z. B. Salmonellen, Chlamydien) oder gar parasitäre Infektionen
(z.B. Kokzidien, Würmer) vorhanden sind.
Die Hexamiten sind vielfach nicht in dem Maße an einem Ausbruch beteiligt,
wie es der notwendige Einsatz von Ronidazol zu ihrer Bekämpfung vermuten lässt.
Ohne den Einsatz von Ronidazol gesundet nahezu kein Bestand. Scheinbar ist die
Anzahl der nicht nachgewiesenen Infektionen mit Hexamiten wesentlich höher als
angenommen. Wir gehen bei unseren Therapien prinzipiell von einer Beteiligung
der Hexamiten aus. Andererseits weist man auch häufig bei klinisch gesunden
Jungtaubenbeständen Hexamiten nach. Dies zeigt, dass ihr Vorhandensein nur ein
Teil der Krankheitsgenese eines Bestandes ist.
Entsprechende Untersuchungen haben gezeigt, dass am Anfang die durch
Circoviren ausgelöste Immunschwäche steht und nahezu jeder Bestand Träger dieser
Circoviren ist. Dennoch gibt es Bestände, die noch nie Probleme mit der
Jungtaubenkrankheit hatten, obwohl alle klassischen Erreger irgendwann einmal
nachgewiesen werden. Hinterfragt man die Führung und Haltung, sind es meist
erfolgreiche Züchter, die nach der allgemein gültigen Vorstellung ein Stück weit
weg sind vom „modernen Brieftaubensport“. Sie besitzen oft hohes züchterisches
Talent, das sie seit Jahren an der Spitze hält und gehen vorsichtig bei
Neueinführungen oder Umstrukturierungen vor. Der („blinde“) Einsatz von
Präparaten ist ihnen weitgehend fremd.
Viele Züchter sind sich nicht mehr bewusst, ob sie ein
verschreibungspflichtiges Medikament, ein harmloses Vitamin- oder Aufbaupräparat
einsetzen. Daher scheinen zwei wichtige Merkmale des heutigen Brieftaubensportes
die treibenden Kräfte für den Ausbruch der Jungtaubenkrankheit zu sein: Eine
starke Fluktuation in den Beständen und der unkontrollierte Medikamenteneinsatz
über viele Jahre.
Für jeden Züchter bleibt die Frage, was jetzt akut unternommen werden kann,
um weniger stark oder gar nicht betroffen zu sein. Zu Beginn steht die Impfung
der Jungtauben. Sind alle Tiere abgesetzt und haben den „ersten Durchhänger“
überstanden (sprich: sie fressen und trinken gut), sollte die Impfung
durchgeführt werden.
Setzen Sie vor und nach der Impfung ein Vitaminpräparat und ein
abwehrsteigerndes Präparat (z. B. „Alvimun-t“ oder „Gamba Immun“) ein.
Beobachten Sie ihre Jungtauben in der Phase nach der Impfung. Die Belastung des
Immunsystems durch die Impfung kann ausreichen, um die Krankheit auszulösen,
wenn zuvor die Weichen im Bestand in diese Richtung gestellt waren. Lassen Sie
zudem Ihre Jungtauben frühzeitig untersuchen und zögern Sie nicht, vorhandene
Trichomonaden oder Hexamiten zu behandeln. Setzen Sie nicht die letzen späten
Jungtauben auf einen Schlag zu den älteren Tieren. Am besten, Sie verzichten
ganz auf diese späten Tiere, denn in den meisten Fällen helfen sie Ihnen nicht
weiter. Es sind die ersten Tiere, die erkranken und meist nach Abschluss der
Reise bleiben kaum welche übrig.
Setzen Sie gezielt Vorsorgeprodukte ein, die Ihnen helfen, Ihre Tiere gesund
zu halten. Dazu gehört eine ausgewogene und gesunde Ernährung und erst an
zweiter Stelle eine Auswahl von gesundheitsunterstützenden Präparaten. Eines der
wichtigsten ist und bleibt Jod. Es hat einen desinfizierenden Effekt in der
Tränke und dämmt im Verdauungstrakt die Hefepilzsporen ein, die ein wichtiger
Sekundärerreger sind und meist einer entsprechenden Wettflugform im Wege stehen.
René Becker, prakt. Tierarzt
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