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Heftige Ausbrüche der Jungtaubenkrankheit
Tierarzt René Becker über die medizinische Vorsorge
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Tierarzt René Becker |
"Nicht schon wieder!", werden jetzt viele von Ihnen beim Lesen der
Überschrift denken - gleichwohl: Der Verlauf der Ausbrüche der
Jungtaubenkrankheit in diesem Jahr bedarf der intensiven tiermedizinischen
Aufarbeitung, denn das Ausmaß der Probleme war ungleich höher als in der
Vergangenheit. Die Ursachen im Einzelnen sind nach wie vor schwer auszumachen -
Vermutungen bzw. Theorien gibt es genug.
Eine eindeutige Tendenz ist dennoch deutlich erkennbar: Alle Maßnahmen, die –
egal, von welcher Seite der Züchterschaft – ergriffen wurden, hatten immer nur
im Einzelfall und in begrenztem Maße Erfolg. Mit Blick auf die breite Masse war
eher eine Häufung der Krankheitsfälle und Verschlechterung der Therapieerfolge
zu verzeichnen.
Dabei gibt es längst nicht mehr die massiven Verläufe mit zahllosen
Todesfällen und einem hohen Durchseuchungsgrad des Bestandes. Vielmehr sind es
vielfach andauernde und schwer in den Griff zu bekommende Infektionen mit einer
langen Zeit nicht optimaler Fitness der Jungtauben sowie nicht selten mit
Rückfällen in gleicher Heftigkeit wie beim Erstausbruch. Die Folgen für Tauben
(und Züchter) waren in vielen Fällen dramatisch. Vorsichtige Sportfreunde ließen
ihre Tauben zu Hause und verzichteten auf den Einsatz bei den anstehenden
Preisflügen; andere, die den Gesundheitszustand ihrer Tiere nicht erkannten oder
zu früh wieder starteten, verzeichneten große Verluste.
Besonders schwer ist es, den richtigen Zeitpunkt zu finden, wann wieder
bedenkenlos mit den Tauben gespielt werden kann. Wichtig ist nach wie vor die
genaue Beobachtung der Tiere: Ist das Fressverhalten optimal? Wie sieht der Kot
aus? Tritt noch Erbrechen auf? Fliegen die Tauben mit Ausdauer und Begeisterung?
Gibt es auf all diese Fragen eine positive Antwort, empfehlen wir nach einer
Therapie die Teilnahme an den Wettflügen, nachdem auf zwei kurzen
Trainingsflügen die Tauben wieder problemlos nach Hause gekommen sind.
Wo liegen jedoch die Ursachen für diese langen, schwer therapierbaren
Verläufe? Erinnern wir uns an die vergangenen Jahre, waren diese vorwiegend
gekennzeichnet durch schnelle Therapieerfolge. Bereits nach kurzer
Behandlungszeit von ein bis zwei Tagen trat eine deutliche Besserung ein.
Dies sieht momentan fast aller Orten völlig anders aus. Schuld daran ist in
der Mehrzahl der Fälle die schlechte Resistenzlage der beteiligten Keime. Wir
wissen heute, dass das Circovirus weitgehend die gesamte Brieftaubenpopulation
durchseucht hat und mit einer abwehrschwächenden Wirkung den Weg bereitet für
andere Krankheitserreger, die die Bestände regelrecht "überrumpeln". Seit dem
Auftreten der Jungtaubenkrankheit wurden die beteiligten Keime mit allem
behandelt, was der Antibiotika-Markt zu bieten hat. Zu Beginn fraglos mit
entsprechendem Erfolg.
Da aber Antibiotika in der Taubensportszene sprichwörtlich wie ein
"Vitaminpülverchen" und im Einzelfall ohne Verschreibung erhältlich sind,
therapierten viele Züchter hemmungslos mit allem, was die pharmazeutische
Industrie hergab. In der Mehrzahl der ohne jede Diagnose! Pülverchen aus
Belgien, Holland und Deutschland werden illegal unter dem Ladentisch gehandelt
und hemmungslos eingesetzt. Die extrem wichtige Empfindlichkeitsprüfung der
Keime blieb in all diesen Fällen aus: Zu viele verschiedene Wirkstoffe, oft in
nicht ausreichender Dosierung und häufig zu kurz verabreicht!
Dies geschieht bereits über einen sehr langen Zeitraum und die Beschaffung
scheint immer weniger ein Problem zu werden. Ungeachtet der Gesetzeslage und
häufig in Unwissenheit über diese, beschaffen sich die Züchter illegal
verschreibungspflichtige Wirkstoffe. Die Folge ist eine extreme Verschlechterung
der Resistenzlage, die im Laufe der Jahre entstanden ist.
Die Gesetzeslage in unserem Land ist klar und somit auch der zu beschreitende
Weg. Wenn sie Futter brauchen fahren sie zum Futtermittelhändler und wenn ihre
Tiere krank sind, fahren sie zum einzigen, der ihnen in Deutschland rechtmäßig
ein verschreibungspflichtiges Medikament verschreiben darf, zum Tierarzt. Auch
wenn ihnen die üblichen, erhätlichen Mittel geholfen haben, wird der Tag kommen,
an denen sie ihnen nicht mehr helfen, das zeigen jedes Jahr unzählige Fälle.
Daher ist die exakte Diagnose und die Zusammenarbeit mit dem Tierarzt von
großer Wichtigkeit für die künftige Entwicklung. Mittlerweile gibt es in
Deutschland zahlreiche Kollegen, die sich intensiv mit Brieftauben beschäftigen
und Ihnen weiterhelfen können, so dass man nicht mehr auf einige wenige
Tierärzte angewiesen ist.
Auch wenn die momentan empfohlenen Vorbeugemaßnahmen nicht jedem Züchter vor
einem Ausbruch der Erkrankung schützten, ist der eingeschlagene Weg doch der
Richtige. Das Nachlassen der Heftigkeit der Erkrankungen, mildere Verläufe oder
auch das Verhindern eines Ausbruches sind all den Maßnahmen zu verdanken, die
verantwortungsvolle Fachleute aus der Branche der Nahrungsergänzungsmittel sowie
Tierärzte in den letzten Jahren erprobt und auf den Markt gebracht haben.
Ich kann nur wiederholen, was ich eigentlich jedem meiner Kunden mit auf dem
Weg gebe. Haben sie auch dieses Jahr wieder massive Probleme gehabt, müssen sie
im kommenden Jahr Dinge im Management und in der Versorgung ändern, um eine
Verbesserung der Situation zu erzielen. Wenn Sie alles wie im vergangenen Jahr
handhaben , werden sie unweigerlich die gleichen Probleme bekommen. Machen sie
sich einen Plan für die neue Saison, den sie selber einhalten können und
versuchen sie etwas zu ändern. Sprechen Sie mit erfahrenen Züchtern, lassen Sie
sich aber nicht zu viel versprechen: Züchter, die Ihnen zuviel an Heilung und
Erfolg versprechen, können dies meistens nicht halten.
Warum es letztlich von den Verläufen und der Anzahl der Ausbrüche schlimmer
war als in den Vorjahren ist sicher nicht nur der von mir oben aufgezeigten
Entwicklung zu schulden, andere Einflüsse, ich denke in erster Linie
witterungsbedingte Verläufe spielen für ein phasenweise gehäuftes Auftreten
ebenso eine Rolle. Trotzdem dürfen wir diese Zusammenhänge nicht ignorieren und
müssem an unserem Verhalten im Hinblick auf die Zukunft des Taubensports einiges
ändern.
Nicht zu vergessen sind natürlich aktuell zu beachtenden Dinge. Ist der
Gesundheitszustand ihrer Jungtauben jetzt zu Ende der Jungtaubenreise nicht
einwandfrei, mußten sie Vorfeld oder Mitten in der Reise die Saison abbrechen,
ist es von großer Wichtigkeit für die weitere Entwicklung der Jungtauben, den
Gesundheitszustand der Tiere jetzt nochmals abklären zu lassen, um
gegebenenfalls noch vor der Hauptmauser eventuell notwendige Behandlungen
durchzuführen. Nicht selten finden wir bei Untersuchungen im Winter Federschäden
bei jungen Tieren, die darauf zurückzuführen sind ,daß die Tiere während der
Mauser keinen optimalen Gesundheitszustand hatten.
René Becker, prakt. Tierarzt
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