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Jungtierkrankheit bleibt gefährlich
Tierarzt René Becker über die medizinische
Vorsorge
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Tierarzt René Becker |
Nachdem im vergangenem Jahr eine deutliche Verringerung der
Krankheitsausbrüche der Jungtaubenkrankheit zu verzeichnen war, machte
sich vieler Orten Hoffnung breit, dass damit eine Trendwende eingeleitet
sei. Neben einer geringeren Zahl von Ausbrüchen wurden weitaus weniger
heftige Verläufe registriert und viele Sportfreunde, die immer und immer
wieder mit diesen Problemen zu kämpfen hatten, blieben gar völlig
verschont. Die genauen Ursachen für diese Entwicklung konnten zwar nicht
ausgemacht werden, doch schien die Hoffnung berechtigt zu sein, dass
Vorsorge, Therapiekonzepte und die bessere Aufklärung der Züchterschaft
für diese Entwicklung mitverantwortlich zeichneten.
Die Ergebnisse des Jungtaubenkrankheitsforschungsprojektes brachten
zusätzlich Licht in das Dunkel, so dass weitere Vorsorge- und
Therapieansätze als Empfehlungen weiter gegeben werden konnten. Trotz
dieser positiven Entwicklung wurde in Fachkreisen bereits im vergangenen
Winter vor zuviel Euphorie gewarnt; schließlich musste sich dieser
positive Trend im darauf folgenden Sommer erst noch bestätigen.
Leider ist bis Mitte Juni genau das Gegenteil eingetreten. Seit
einigen Wochen werden wir wieder mit einer großen Anzahl von Ausbrüchen
der Jungtaubenkrankheit konfrontiert. Das Krankheitsbild ist dabei
gleich geblieben. Die typischen, allen betroffenen Züchter bekannten
Leitsymptome sind dünner schmierig grüner Kot, mangelnde Fresslust,
Erbrechen, Persistieren der Verdauung, Abmagerung und vereinzelte
Todesfälle. Auffällig ist, dass die Krankheitsausbrüche wiederum mit der
Heftigkeit vergangener Jahre auftreten.
Dies deutet darauf hin, dass vermehrt ein Virus das
Krankheitsgeschehen beherrscht. Dabei spielt das als Hauptverursacher
ausgemachte Circovirus vermutlich die Hauptrolle. Die weiteren Diagnosen
ähneln sich meist sehr stark. Sehr häufig werden Hexamiten
diagnostiziert und stets sind die Colikeime in starkem Maß beteiligt.
Weitere Sekundärerreger (z. B. Hefepilzsporen, in manchen Fällen auch
Kokzidien, Salmonellen und Chlamydien) werden von Fall zu Fall gefunden.
Aufgrund der Komplexität des Krankheitsgeschehens sollte eine
Therapie immer auf mehreren Füßen stehen. Stets muss den erkrankten
Tieren “Ronidazol” zur Bekämpfung der Hexamiten verabreicht werden.
“Ronidazol” ist als 10 %-iges Produkt unter dem Namen “Ridzol” wieder
erhältlich. Kombiniert wird “Ronidazol” mit einem Antibiotikum, welches
im Resistenztest ermittelt wird. Denn die Resistenzlage bei den
Colikeimen stellt das größte Problem dar.
Wirkstoffe, die jahrelang mit sehr guten Erfolgen eingesetzt wurden
(z. B. Amoxicillin), haben in vielen Fällen nicht mehr die erwünschte
Wirksamkeit. Aus diesem Grunde ermitteln wir nach Isolierung der
Colikeime im Resistenztest ein wirksames Präparat. Aus diesem Grunde ist
es unerlässlich, bei einem Ausbruch unverzüglich den Tierarzt
aufzusuchen, um eine exakte Diagnose stellen zu können. Die vielfach
durchgeführte Eigentherapie erschwert, falls sie nicht zum Erfolg führt
und die Tiere anschließend in der Tierarzt-Praxis vorgestellt werden,
erheblich die Arbeit.
Bei der Wahl des richtigen Antibiotikums kommt es meist sehr schnell
zu einer deutlichen Besserung. Allerdings gibt es Fälle, bei denen
vermutlich eine Virusbeteiligung vorherrschend ist, so dass langwierige
Verläufe und mangelnde Fitness der Jungtauben zu verzeichnen sind. In
diesen Fällen ist vorrangig Geduld gefragt. Der Züchter muss den
Jungtauben nach dem Verschwinden der Symptome genügend Zeit geben sich
zu erholen, bevor mit privaten Trainingsflügen o.ä. begonnen wird. Die
Medikamentengabe unterstützen wir stets mit der Gabe eines
abwehrsteigernden Präparates, das parallel die
Arzneimittelnebenwirkungen reduziert. “Alvimun-T” und “Gamba-Immun” sind
in diesem Zusammenhang erste Wahl.
Die zusätzliche Gabe der in Mode gekommenen Immunglobuline hat sich
mit Blick auf eine Virusgenese ebenfalls sehr bewährt. Gute Erfahrungen
haben wir u. a. mit “Globin-Top” und “Adenosan” gemacht. Gerade
“Adenosan” scheint als unterstützende Maßnahme unter einer Therapie gut
zu wirken. Es darf nur nicht der Fehler gemacht werden, sich während
eines Krankheitsfalles allein auf diese Präparate zu verlassen. Diese
liefern nur zur Unterstützung während eines Ausbruches und in der
Vorsorge gute Ergebnisse.
Um die Vitaminversorgung unter einer Therapie sicherzustellen binden
wir z. B. das “Adenosan” mit “Zelloxygen plus”, einer vitaminisierten
flüssigen Hefe, an das Futter. Ist die Therapie erfolgreich
abgeschlossen wird dringend angeraten, einige Tage ein Jodpräparat (z.
B. “Blitzform”) zu verabreichen, um die sich stets unter einer
Antibiotikatherapie vermehrenden Hefepilzsporen einzudämmen. Die
Hefepilze reagieren sehr empfindlich auf Jod und lassen sich meist gut
zurück drängen. Zudem kurbelt das Jod den Stoffwechsel an und das
enthaltene Eisen fördert die Bildung der roten Blutkörperchen, deren
Verschleiß im Laufe einer Infektion meistens sehr hoch ist.
Haben Ihre Tauben eine derartige Infektion überstanden und scheint
augenscheinlich alles wieder in Ordnung zu sein (d. h. der Appetit ist
gut, der Kot fest und gebunden, die Jungtauben fliegen gerne, lange und
mit Tempo), müssen Sie dennoch weiterhin auf der Hut sein. Denn eine
einmalig überstandene Infektion schützt nicht vor einem erneuten
Ausbruch. Gerade die Hexamiten und in deren Gefolge die Colikeime machen
häufig nach gewisser Zeit erneut Ärger. Daher empfiehlt es sich in jedem
Fall, nach der Therapie mit einem Vorsorge-Konzept fortzufahren und dies
auch während der Jungtierreise beizubehalten.
Kurz vor Beginn der Reise werden Sie eine Behandlung wiederholen
müssen, um einem erneuten Ausbruch während der Jungtierflüge entgegen zu
wirken. Auch während der Jungtouren wird bei Züchtern mit starken
Problemen eine Kurzzeittherapie zu Wochenbeginn in regelmäßigen
Abständen erforderlich sein, um die gestressten Tiere vor einem erneutem
Rückfall zu schützen.
Wichtige Verhaltensmaßregel für jeden Züchter ist nach wie vor, nur
absolut gesunde und flugfreudige Jungtauben einzukorben. Sonst sind
erhebliche Verluste vorprogrammiert. Guter Kot, gesunder Appetit und ein
entsprechendes Flugverhalten sind wichtige Indikatoren des
Gesundheitszustandes. Trotzdem empfiehlt sich vor Beginn der Trainings-
und Vortouren eine gründliche Untersuchung, um versteckte Infektionen
aufdecken und rechtzeitig therapieren zu können.
René Becker
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