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Offensiver Umgang mit Verdachtsfällen
Tierarzt René Becker über die medizinische Vorsorge
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Tierarzt René Becker |
Mit Beginn des Monats Juli rückt die Vorbereitung der Jungtauben in den
Mittelpunkt des Interesses. Besonders der Jungtaubenkrankheits-Komplex und seine
Variationen machen den Züchtern in diesen Wochen zu schaffen. Bevor wir uns mit
dieser Problematik beschäftigen, möchte ich zuvor noch einmal "das Thema" des
vergangenen Monats aufgreifen.
Was vor vier Wochen eher aussah wie ein typisches Problem, wie wir es aus der
Vergangenheit kennen, vielleicht mit einer wenig stärkeren Ausprägung, hat sich
zu einem bundesweiten Problem mit teils erheblicher Auswirkung auf den
Reisebetrieb ausgeweitet - die sog. "Jungtaubenkrankheit bei Alttauben". Gemeint
ist eine Erkrankung, die mit den typischen Symptomen der Jungtaubenkrankheit
(Erbrechen, schmierig grüner Kot , schlechtes Allgemeinbefinden,
Verdauungsproblemen, etc.) einhergeht.
Wie bereits mehrfach beschrieben, ist die Genese noch weitgehend unbekannt.
Tatsache ist in jedem Fall, dass bis weit in die Reisesaison der Alttauben
hinein, eine erhebliche Häufung von Fällen auftrat. Dies ging soweit, dass es
teilweise zu einer Reduzierung der Setzzahlen in verschiedenen
Reisevereinigungen gekommen ist. Wir haben in dieser Zeit auch völlig
verschiedene Verläufe erlebt.
Es gibt Schläge, bei denen sich die Erkrankung auf Einzelfälle beschränkte
und bei entsprechender Behandlung zügig der normale Reisebetrieb - mit gleich
bleibenden Erfolgen - fortgeführt werden konnte. Auf anderen Schlägen weitete
sich die Erkrankung schnell aus und selbst nach einem Ausheilen der Symptome
konnte die alte Leistungsfähigkeit nicht wieder erlangt werden. Schnelles
Handeln ist in jeden Fall das Gebot der Stunde, denn es gibt eine starke
Ansteckungstendenz der Tauben untereinander.
Ein wirksames Antibiotikum, Abwehrsteigerung mit alvimun-t und die Gabe eines
Jungtierpulvers in Kombination mit adenosan über das Futter haben mehrheitlich
und zügig Abhilfe geschaffen. Nach der Medikamentengabe haben wir empfohlen,
Milchsäurebakterien (PT 12 ), Jungtierpulver und adenosan weiter über die ganze
Saison jeweils zu Wochenanfang einzusetzen. Wer in diesem Jahr betroffen war,
sollte die letztgenannten Maßnahmen für die kommende Saison 2011 mit in sein
Versorgungsprogramm einplanen. Ein offensives Umgehen innerhalb der
Reisevereinigungen ist dringend angezeigt. Desinfektionsmaßnahmen im
Kabinenexpress sowie Trinkwasserdesinfektionen, um Ansteckungen zu minimieren,
sind erstrebenswerte Maßnahmen.
Das eigentliche Problem sind die Züchter selbst, die ihren Krankheitsfall
nicht unbedingt öffentlich machen wollen. So wird es schwer, sich ein Bild über
den Erkrankungsgrad in den eigenen Reihen zu machen. Gibt es jedoch deutliche
Hinweise durch das Nichtsetzen mehrere Züchter, sollten sich die
Verantwortlichen entsprechende Gedanken machen. Aber auch die "forschende
Fraktion" unter den Veterinären steht in der Verantwortung, nach Ursachen und
geeigneten Gegenmaßnahmen zu suchen.
Die Jungtauben sollten sich jetzt schon sehr gut bewegen. Selbst auf den
Schlägen, auf denen verdunkelt wird, ist die Verdunkelung seit ca. drei Wochen
aufgehoben und der Nachwuchs sollte seine Flugunlust , wie sie teilweise bei
verdunkelten Tauben typisch ist, abgelegt haben und ordentlich ziehen. Die
ersten Vorflüge stehen bevor und das private Training sollte aufgenommen sein.
Bevor man sich jedoch an private Trainingsflüge wagt, ist es selbstverständlich
ratsam, die Jungtiere gesundheitlich durchchecken zu lassen.
Eine Kotprobenuntersuchung inkl. eines Chlamydientests sowie Abstriche aus
Kropf und Kloake und bakteriologische Untersuchungen von Ausstrichen (speziell
aus der Kloake) geben Aufschluss über den Gesundheitszustand. Speziell der
Hexamiten- und der Colibefall spiegelt die Gesundheit im Darm wieder. Auch wenn
Atemwegsinfektionen, an erster Stelle die Ornithose, eine entscheidende Rolle
spielen, gibt die Gesundheit im Darm ein beredtes Bild über die Verfassung der
Jungtauben. Nur wenn diese absolut stabil ist, sind die Tauben zu entsprechenden
Leistungen während der Jungtierreise in der Lage.
Daher ist im Vorfeld eine Behandlung gegen die parasitären Erreger (vorrangig
Hexamiten) erforderlich. Leider kann der alleinige Einsatz von Ronidazol das
Darmmilieu derart durcheinander bringen, dass es zum Ausbruch der
Jungtaubenkrankheit kommt und der Einsatz eines Antibiotikums unerlässlich ist.
Um dies zu verhindern, ist die Gabe von darmstabilisierenden Zusatzpräparaten
anzuraten. Wir verwenden ein Jungtaubenpulver auf der Basis von Colostrum und
adenosan. Zusätzlich arbeiten wir mit alvimun-t, um das Abwehrsystem zu
stabilisieren.
Seit diesem Jahr haben wir im Bereich der Vorsorge auf Rop-adeno gesetzt,
ohne unsere bewährten Präparate zu vernachlässigen. Dazu gehört weiterhin unser
Enterosan, das Ansäuern des Wassers mit Vior und der regelmäßige Einsatz von
Jod. Wir sehen den Einsatz von Rop-adeno im Bereich der Trinkwasseraufbereitung,
um die Ansteckungsgefahr zu verringern. Dies ist ein wichtiges Einsatzgebiet,
wenn die ersten Korbaufenthalte anstehen. Kommt es dennoch zu einem Ausbruch,
ist eine Behandlung nach Resistentest unerlässlich, wobei sich der Trend mit der
schwieriger werdenden Resistenzlage fortsetzt.
Ein weiteres Problem scheint sich durch das nicht zur Verfügung stehen des
Pockenimpfstoffes anzubahnen. In unserer Praxis, aber auch bei den Tauben
behandelnden Kollegen, sind bereits mehrere Fälle von Pocken aufgetreten.
Weiterhin gab es im Norden der Republik einige Reisevereinigungen, die mit
starken Ausbrüchen während der Alttierreise konfrontiert waren. Wichtig ist
stets, dass die betroffenen Bestände ausreichend lange pausieren, um andere
Bestände nicht zu gefährden.
Zur Vorbeugung eignet sich nach wie vor in erster Linie Jod. Die regelmäßige
Gabe im Bestand hilft, die Ansteckung zu unterbinden. Auch in betroffenen
Beständen ist die Gabe von Jod, die einzige Maßnahme, um eine weitere Ansteckung
zu vermeiden und betroffene Tiere zum Ausheilen zu bringen. Vitaminpräparate mit
hohem Gehalt des Schleimhautschutzvitamins A helfen ebenfalls.
Nach momentanem Kenntnisstand wird der Pockenimpfstoff Colombovac PMV/POX
voraussichtlich erst im kommenden Frühjahr wieder erhältlich sein. Bis dahin
gilt zu hoffen, von dramatischen Ausbrüchen während der Jungtierreise verschont
zu bleiben. Leider gibt es eine Vielzahl von Züchtern, die sich trotz
zweifelhafter Wirksamkeit mit einem Pinselimpfstoff aus Osteuropa versorgen und
diesen einsetzen, obwohl Impfstoffe aus dem Ausland aufgrund der rechtlichen
Situation keine Option sind!
René Becker, prakt. Tierarzt
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