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Aberglaube, Fehlinformationen und
Missverständnisse
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Tiberius Mohr |
Freie Radikale
Richtigstellung:
Seit dem Erscheinen eines bestimmten Produktes auf dem Brieftaubenmarkt
gehören die freien Radikale zum Wortschatz eines jeden Brieftaubenzüchters.
Die Informationen der Taubenzüchter über die Wirkung der freien
Radikale stammen aber so gut wie ausschließlich aus sogenannten
"Fachartikeln" und Werbebroschüren der Zusatzmittelvertreiber.
Wir wollen hiermit diesen Missstand beseitigen und dem Taubenzüchter
Informationen darüber liefern, was diese Radikale eigentlich sind
bzw. was sie für eine Aufgabe im Körper der Taube erfüllen.
Alle Lebewesen, die Sauerstoff atmen - folglich auch Tauben - müssen
sich in ihrem Stoffwechsel zwangsläufig mit der Bildung von Radikalen
auseinandersetzen. Freie Radikale sind instabile (elektrisch geladene
Sauerstoffmoleküle) und daher chemisch sehr aggressive Reaktionsprodukte
der Zellatmung. Sie entstehen kontinuierlich in jeder Körperzelle,
und das seit Milliarden von Jahren, seit es eben Leben auf der Erde gibt.
Dementsprechend ausgereift sind auch die Gegenmechanismen, die jede Zelle
zum Schutz entwickelt hat. Wäre das nicht so, hätte es die Evolution
erst gar nicht bis zur Taube geschafft.
Neben der Zellatmung sind auch einige andere Faktoren an der Entstehung
von freien Radikalen ursächlich beteiligt: Chemikalien unterschiedlicher
Zusammensetzung, radioaktive Strahlen und teile des Sonnenlichtspektrums
können den Anteil an freien Radikalen in der Zelle erhöhen und
damit die Zelle schädigen oder sogar töten.
Die Zellen produzieren aber auch absichtlich und gezielt freie Radikale,
um sie gegen Krankheitserreger und schädliche Stoffe einzusetzen
- also benötigt die Zelle freie Radikale, sie sind für das Überleben
der Zelle unentbehrlich. Amerikanische Forscher haben wissenschaftlich
belegt, dass durch das Ausschalten einiger Radikal-Schutz-Enzyme
einige Krebsarten (z.B. Leukämie) geheilt werden können. Durch
das Ausschalten dieser Enzyme wurden die in der Zelle entstandenen freien
Radikale nicht inaktiviert, konnten sich anreichern und die Krebszellen
abtöten.
Freie Radikale sind sehr reaktionsfreudig und gehen sehr schnell nach
ihrer Entstehung chemische Bindungen mit den unterschiedlichsten Substanzen
aus dem Zellinneren ein. Fett- und Eiweißmoleküle sowie die
Erbsubstanzen (DNA) sind bevorzugte "Angriffsziele" freier Radikale.
Die Membranen der Körperzellen bestehen auch aus Fett und Eiweiß
und können demzufolge von freien Radikalen angegriffen und gegebenenfalls
zerstört werden. Wird die DNA angegriffen, kann dies zum Absterben
der Zelle führen - je nachdem wie schwerwiegend der Schaden ist und
welcher Bereich davon betroffen ist.
Warum hat aber dann die Evolution die freien Radikale über Jahrmillionen
"geduldet", ja sogar der Zelle ermöglicht, bei Bedarf diese
Substanzen zu produzieren? Ganz einfach: Die Zelle braucht die freien
Radikale, sie sind ein wichtiges Werkzeug in der Abwehr von Krankheitserregern
und dem Abbau von Fremdsubstanzen (Gifte, Arzneimittel), die auf anderem
Wege nicht oder nicht schnell genug inaktiviert werden können. Der
mögliche Schaden, den die Radikale anrichten können muss
folglich geringer sein als deren Nutzen für die Zelle - sicherlich
produziert die Zelle die freien Radikale nicht, um sich selbst in Gefahr
zu bringen...
Die Körperzellen streben laufend ein Gleichgewicht an zwischen der
Menge an freien Radikalen, die keinen allzu großen Schaden in der
Zelle anrichten, und deren gerade noch für die Bekämpfung von
Krankheitserregern ausreichenden Minimalmenge. Dieses Gleichgewicht wird
von einer Reihe von Schutzmechanismen aufrechterhalten, die einerseits
einen Teil der Radikale inaktiviert und andererseits darauf ausgerichtet
sind, die entstandenen Schäden unmittelbar nach ihrer Entstehung
zu reparieren. Im Zellkern steht eine ganze Armee von Reparaturenzymen
bereit, um die DNA-Brüche zu kitten. In der Tat sieht es so aus,
dass die Zelle die schädigende Wirkung akzeptiert, nur um die
Radikale zur eigenen Verteidigung bei Bedarf parat zu haben. Die Zellen
verfügen über ein sehr gut funktionierendes Konzept zur Eindämmung
der überschießenden Radikaleinwirkung. Die Evolution hätte
sicherlich einen Weg gefunden, diese Radikale sofort nach der Entstehung
zu inaktivieren bzw. sie erst gar nicht entstehen zu lassen. Statt dessen
hat sich die Evolution aber dafür entschieden, den Dienst der Radikale
anzunehmen. Der Preis dafür ist, dass die gelegentlich entstehenden
Schäden repariert werden müssen. Es ist also keinesfalls so,
dass die Zelle machtlos zuschaut, wie sie von den selbst erzeugten
Radikalen zerfressen wird.
Gewiss können freie Radikale schädlich sein, sie sind aber
auch unentbehrlich. Und die Schäden können nur auftreten, wenn
die Schutzmechanismen versagen. Sollten diese Schutzmechanismen unvollkommen
arbeiten, bringt die - zeitlich begrenzte - Verabreichung irgendwelcher
Pülverchen nicht viel, denn nach dem Absetzen verschwindet auch deren
Wirkung und die Zelle wird erneut von den freien Radikalen angegriffen.
Von den Vertreibern solcher Produkte wird dem Züchter also durch
die Verwendung medizinisch durchaus korrekter Sachverhalte aber durch
Verschweigen der "ganzen Wahrheit" suggeriert, mit einem bestimmten
Produkt einen Vorteil zu erzielen.
Würde der Züchter von Anfang an die Zusammenhänge erkennen
können, würde er sicherlich ein solches Produkt nicht kaufen.
Wozu auch?
Worauf es in diesem Zusammenhang ankommt ist das Gleichgewicht. Die schädliche
Wirkung marktschreierisch hervorzuheben, dabei aber die Bedeutung für
den Stoffwechsel zu verheimlichen und dadurch dem medizinischen Laien
(sprich Taubenzüchter) Angst einzujagen ist unseriös und eines
wirklichen Fachartikels nicht würdig. Ausnahmslos alle Artikel, die
ich bisher darüber in der Taubenpresse gelesen habe sind keine Fachartikel
sondern geschickt getarnte Verkaufsanzeigen. Darin wird seitens der Vertreiber
von Produkten gegen freie Radikale absichtlich Schwarzmalerei betrieben.
Mit den möglichen Schäden werden regelrechte Horrorszenarien
aufgebaut, die positiven Eigenschaften geschickt verheimlicht. Auch wird
geschickt verschwiegen, dass freie Radikale in jeder Sekunde in jeder
Zelle entstehen, das Präparat wirkt aber (wenn es überhaupt
wirkt!) nur für die Zeit in der es verabreicht wird. Würden
die Tauben die Schutzmechanismen gegen freie Radikale nicht besitzen,
müsste man das Pulver vom ersten Tag an und bis ans Lebensende
täglich verabreichen. Besitzt die Taube jedoch die Schutzmechanismen
- was ja der Fall ist - ist die Verabreichung unnötig. Man könnte
einwenden, dass man durch das Mittel diesen Schutz verbessert. Das
mag sein, aber was bringt unter dem Strich die zeitlich auf einige Tage
beschränkte Verbesserung des Schutzes, wenn die Taube die übrigen
8 Jahre den "feindlichen Radikalen" schutzlos ausgeliefert ist?
Wenn man die Beipackzettel solcher Produkte liest, erscheint es bei näherer
Betrachtung eigentlich unmöglich, dass die Evolution es bis
zum Menschen geschafft hat - bei all den "lebensfeindlichen Stoffen"
in unseren Zellen. Eigentlich hätten die "bösen" Radikale
jedes Leben bereits im Keim erstickt haben müssen. Ein Glück,
dass es jetzt geeignete Präparate gegen Radikale gibt, sonst
würden vermutlich alle Tauben innerhalb kürzester Zeit aussterben,
denn sie wären schutzlos den Radikalen ausgeliefert. Wie hat es nur
die Evolution ohne "Präparat X" so weit gebracht? - ein
wahres Wunder! Undenkbar, dass man bis vor kurzem Brieftaubensport
ohne "Präparat X" betrieben hat. Die Taubenzüchter
wussten ja gar nicht, was ihnen gefehlt hat. Zum Glück wurden
wir durch geschäftstüchtige Händler darauf gebracht. Was
für ein Glück, dass jetzt ein Präparat gegen die bisher
unerkannten Bösewichter entwickelt wurde. Freie Radikale sind für
den Körper der Taube genau so schädlich, wie der Zivilisationssmog
für die Bauwerke der Antike, wird in einem "Fachartikel"
behauptet. "Der Körper der Taube altert und zerfällt ähnlich,
wie eine Kathedrale aus Sandstein von aggressiven, säurebildenden
Automobil- und Industrieabgasen zerfressen wird". Dabei wird aber
"vergessen", dass sich die "Bauwerke der Antike"
nicht aktiv gegen den Smog schützen können. Nach der Lektüre
eines dieser "Fachartikel" würde man ab besten schnell
in den Schlag laufen, um nachzuschauen, ob die Tauben noch da oder bereits
"zerfallen" sind. Das ist doch etwas zu viel des Guten... Gehen
die Verfasser wirklich davon aus, dass nur Dummerjane diese Artikel
lesen? Sie müssen doch damit rechnen, dass irgendwann irgend
jemand die Missstände nicht mehr ertragen kann, sich mit den
Aussagen kritisch auseinandersetzt und fachlich auseinanderpflückt.
Vermutlich ist es dann aber zu spät, denn tausende Züchter haben
sich den Schutz aus der Dose bereits für die Reisesaison zugelegt
und bis zur nächsten Saison ist alles wieder vergessen - und wenn
nicht, dann wird man schon eben etwas passendes finden. Die Auswahl ist
schier unerschöpflich. Alles was man irgendwie essen oder trinken
kann, ohne gleich daran zu sterben, wird zum Wundermittel hochstilisiert.
Undenkbar, dass die Tauben bis vor kurzem ohne Schwarzkümmelöl,
Lachsöl, Ommega-3-Fettsäuren, überflutet von freien Radikalen
ihre Preise fliegen konnten. Wie dumm wir alle nur gewesen sind!
Aber Spaß beiseite und noch mal: freie Radikale entstehen in jeder
Körperzelle. Sie sind entweder ein Produkt der Zellatmung oder werden
von der Zelle hergestellt, um damit Krankheitserreger und schädliche
Chemikalien zu bekämpfen. Einige Chemikalien und Strahlen erzeugen
ihrerseits in der Zelle freie Radikale, die von der Zelle durch ausgeklügelte
und sehr gut funktionierende Mechanismen inaktiviert werden. Körpereigene
Enzyme wie SOD, Peroxidasen und Cytochromoxidasen fangen überschüssige
Radikale ab und verhindern die gefürchteten Kettenreaktionen der
radikalinduzierten Schädigungen. Schäden an der Erbsubstanz
werden von speziell zu diesem Zweck hergestellten Enzymen rasch repariert.
Falls dieses System mal nicht so funktioniert, kann man durch die Verbreitung
bestimmter Stoffe den Schutz verbessern. Dabei reicht eine gute Versorgung
mit Vitamin E und C sowie eine ausreichende Menge Selen und Karotin im
Futter. Selen ist ein notwendiger Bestandteil körpereigener Radikalenfänger-Enzyme
(z.B. Glutathionperoxidase). Um diese Aufgabe zu erfüllen, sind so
geringe Mengen Selen nötig, dass praktisch kein Selen dazugefüttert
werden muss. Die vom Körper benötigten Mengen bewegen sich
an der Grenze des chemisch nachweisbaren (daher der Name Spurenelement).
Präparate für Brieftauben, die den Schutz vor freien Radikalen
gewährleisten sollen, sind bei einer halbwegs normalen Wirkstoffversorgung
aus medizinischer Sicht überflüssig, aus wirtschaftlicher Sicht
maßlos überteuert. Man erreicht damit nicht mehr als man mit
einer kostengünstigen, dafür aber bedarfsgerechten Wirkstoffversorgung
erreichen würde - ein ausgewogenes Futter tut es auch! Die hochgepriesene
Flavonoide aus Weißdorn- oder Ginkgoblättern sind nicht stärker
wirksam als eine Tasse Tee (vor allem grüner Tee, aber der schwarze
tut es zur Not auch).
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